Aktuell
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Für die «Zeit» haben Claude Baumann und Peer Teuwsen ein langes Interview mit Eric de Rothschild geführt. Der 69-jährige Bankier, der an der ETH Zürich studiert hat, spricht darin über sich und die Familie Rothschild sowie über die Produkte der Weingüter, die er führt, aber er spricht auch über die Themen des Schweizer Dialogs: Über Moral in der Finanzbranche, den Sinn von Regulierungsmassnahmen und über die Legitimität sehr hoher Einkommen (Rothschild selbst zahlt sich übrigens kein Salär mehr aus).
» Interview bei Zeit.de lesen
«Unanständig. Rücksichtslos. Zynisch. Die Kritik hoher Abfindungen und Entlöhnungen geht einher mit Appellen an die Moral. Erleben wir einen Wertewandel? Eine Wertekrise? Oder ist alles ganz anders?»
So leiten die aktuellen Schweizer Monatshefte (Ausgabe 979, Juli/August 2010) zwei kontroverse Beiträge ein, die sich mit dem Auseinanderdriften von Wirtschaft und Gesellschaft, dem Thema des Schweizer Dialogs, beschäftigen.
Peter Fuchs, Präsident des Verwaltungsrates der ANOVA Holding, und Timo Meynhardt, Geschäftsführer des Zentrums für Führung und Werte in der Gesellschaft und Teilnehmer des Schweizer Dialogs, konstatieren im ersten der beiden Beiträge eine «neue Integrationsproblematik»: Mit der neuen, globalen Klasse der Finanzwelt nämlich sei eine Parallelgesellschaft inmitten der Gesellschaft entstanden. Eine Parallelgesellschaft mit eigenen Mechanismen und eigenem Wertesystem, abgekoppelt auch in Hinsicht auf die finanzielle Vergütung. Die soziale Differenzierung, ein ganz normaler Vorgang in arbeitsteiligen Gesellschaften, werde immer dann zum Problem, wenn wie hier eine Gruppe dominant werde.
Doch was tun? Aus dem Finanzsystem heraus sind keine grundlegenden Änderungen zu erwarten, von Regulierungsbemühungen sollte man sich keine erwarten. Kleine Schritte von allen Seiten seien nötig, um die Finanzwelt wieder in die Realgesellschaft zu integrieren. «Es ist Zeit», so Fuchs und Meynhardt, «mit dem Gespräch zu beginnen.»
Das sieht der Soziologe, Publizist und Berater Thomas A. Becker anders. «Es gibt kein Zurück zum Wertekanon der frühen Kapitalisten», schreibt Becker im zweiten Beitrag und wettert gegen die «Moralindustrie» und die «Tyrannei der Tugend». Mehr Moral bedeute tatsächlich bloss mehr Staat, es werde also beschädigt, was eigentlich gestärkt werden soll: der gesunde Menschenverstand. Nicht mehr Moral und Kontrolle brauche es also, sondern im Gegenteil mehr Markt.
» schweizermonatshefte.ch
Mit unserer Initiative Schweizer Dialog möchten wir die offene Diskussion zu aktuellen Themen an den Schnittstellen von Wirtschaft und Gesellschaft fördern. Als «Zentrale» des Dialogs dient diese Website. Sie lebt nicht nur von unseren Eröffnungs-Statements, sondern vor allem von Ihrer Teilnahme.
Statements diskutieren
Dafür gibt es direkt unter jedem Beitrag die Möglichkeit, einen Kommentar abzugeben – ganz ohne vorherige Registrierung, denn wir wollen nicht, dass Sie Ihre wertvolle Meinung wegen einer technischen Hürde zurückhalten.
Was wir uns wünschen: Dass Sie uns mitteilen, was Sie von unseren Statements halten, egal ob Sie zustimmen oder anderer Meinung sind; ja, vielleicht sogar vor allem, wenn Sie anderer Meinung sind. Dass Sie uns inhaltlich ergänzen, unsere Vorschläge kritisieren, eigene Vorschläge machen. Wir werden zuhören und antworten, denn unser Ansatz ist der Dialog, nicht der Monolog.
Die Kommentare sind derzeit übrigens moderiert, wir sind allerdings normalerweise sehr fix mit dem Freischalten.
Statements bewerten
Die zweite Möglichkeit zur Teilnahme am Schweizer Dialog ist die Bewertung der Aussagen der teilnehmenden Wirtschaftsführer, Wissenschaftler und Politiker. Das geht so:
Unter jeder einzelnen Aussage finden Sie eine Art Schieberegler, mit dem Sie auf einer Skala von 1 bis 4 Ihre Zustimmung oder Ablehnung zum Inhalt des Statements ausdrücken können. Diese Bewertungen werden aggregiert und auf der Seite «Ergebnisse» zu jedem Mitglied unserer Initiative angezeigt (hier ein Beispiel). Sie dienen dem unmittelbaren Feedback und daneben auch einer wissenschaftlichen Auswertung unseres Dialogansatzes.
Also: Machen Sie mit. Kommentieren und bewerten Sie. Treten Sie in den Dialog.
Der vor wenigen Tagen verstorbene Nicolas G. Hayek war ein äusserst erfolgreicher Unternehmer – und eine verantwortungsvolle Führungsperson. Zweifellos wäre die Swatch Group ohne den langjährigen Einfluss ihres Gründers ein anderes Unternehmen geworden. Denn auch wenn die Führung einer Organisation nicht alleine für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist, trägt sie doch eine zentrale Verantwortung dafür.
Von Stefan Seiler
Doch wie sieht diese Verantwortung genau aus? Um dies besser fassen zu können, lohnt es sich zu klären, was «Führung» heisst. Ein umfassendes Führungsverständnis deckt die folgenden Bereiche ab:
- Führung hat die Aufgabe, die richtigen Ziele zu setzen und sicherzustellen, dass diese Ziele erreicht werden (Erfolgskomponente der Führung).
- Führung hat die Aufgabe, die vorhandene Komplexität zu bewältigen und dadurch sicherzustellen, dass die Organisation jederzeit steuerbar bleibt (Komplexitätsbewältigungs-Komponente der Führung).
- Führung hat die Aufgabe, allgemeine, übersituationale moralische Wertmassstäbe bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen (moralische Komponente der Führung).
» weiterlesen
Monika Bütler ist Professorin für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen (HSG) und geschäftsführende Direktorin des Schweizerischen Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung (SEW). Zudem amtet sie als Vorstand der Volkswirtschaftlichen Abteilung der HSG und ist Mitglied des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank.
Nach dem Abschluss in Mathematik und Physik an der Universität Zürich und mehrjährigen beruflichen Tätigkeiten in diesem Gebiet studierte Monika Bütler Volkswirtschaft an der HSG und schloss mit dem Doktortitel ab. Bevor sie 2004 an ihre Alma Mater zurückkehrte, war sie Professorin an den Universitäten Lausanne und Tilburg, Niederlande. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Sozialversicherungen, Arbeitsmarkt, politische Ökonomie und Informationsökonomik.
Weitere Aktivitäten:
• Forschungskoordinatorin Netspar (unabhängiges Forschungsnetzwerk im Gebiet der Alterssicherung), Niederlande
• Mitglied des Board of Management, International Institute of Public Finance
• Redaktorin der Fachzeitschrift Journal of Pension Economics and Finance
• Mitglied des Stiftungsrats des World Demographic & Ageing Forum Switzerland, St. Gallen
• Mitglied des Fachrates des Centers for Disability and Integration CDI-HSG
• Regelmässige Kolumnistin bei der NZZ am Sonntag
Motivation für den Schweizer Dialog
Noch immer lese ich den Forschungsteil der NZZ und des Economists vor dem Wirtschaftsteil. Dennoch bin ich mit Überzeugung von den Naturwissenschaften zur Volkswirtschaftslehre gewechselt, weil mir das gesellschaftliche Engagement wichtig war und ist. Ich möchte etwas zu den grossen sozial-, wirtschafts- und umweltpolitischen Problemen der Gegenwart beitragen, etwas bewegen. Genau aus diesen Gründen mache ich auch beim Schweizer Dialog mit – als Professorin mit etwas mehr Narrenfreiheit ausgestattet als die meisten anderen.
Alain Bandles Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Alter hat viel Zustimmung gefunden. Auch andere Teilnehmende am Schweizer Dialog haben sich zum Thema «Generationenübergreifende Gerechtigkeit» geäussert:
Kathrin Hilber, Regierungsrätin des Kantons St. Gallen, setzt sich ebenfalls dafür ein, die Erfahrungen Älterer viel stärker einzubeziehen. «Wenn sich junges Wissen und ältere Erfahrung begegnen», so Hilber, werde «ein wirtschaftlicher Nutzen generiert» (Statement lesen und bewerten). Arbeitnehmer sollten darum darauf achten, verschiedene Generationen zu beschäftigen – und ausserdem ihre Mitarbeitenden in Weiterbildung und ausserbetrieblichen Erfahrungen unterstützen:
Engagements für Politik, Schule, Kirche, Kultur oder Familie sollten «als gewinnbringende Zusatzerfahrungen» bewertet werden, nicht als lästige Einflüsse von aussen (Statement lesen und bewerten). Zeitflexible Rahmenbedingungen von Seiten des Unternehmens fördern diese Engagements.
Der Dialog zwischen Jungen und Älteren wirkt aber auch über den Nutzen für Unternehmen hinaus positiv: «Der älteren Generation aufmerksam zuzuhören, zu lernen und mit frischen Ideen der Gegenwart zu verbinden, das fördert nicht nur den Austausch zwischen jung und alt, sondern auch das Verständnis und den Zusammenhalt unter den Generationen», sagt Dr. Thomas Buberl, CEO von Zurich Schweiz (Statement lesen und bewerten).
Bei all dem darf jedoch nicht vergessen werden, den Jungen frühzeitig Verantwortung zu übergeben, fordert Dr. Ulf Berg: «Damit schaffen wir zusätzliche wirtschaftliche Ressourcen und spornen die nächste Generation an, die Zukunft aktiv zu gestalten» (Statement lesen und bewerten).
Ein Gespräch mit Peter Gomez über Anliegen und Aussichten der Initiative Schweizer Dialog.

Peter Gomez
Am Anfang stand eine Umfrage der Universität St. Gallen. Zahlreiche Führungskräfte aus dem deutschsprachigen Raum wurden zu Fragen des «Public Value» befragt, der gesellschaftlichen Wertschöpfung von Unternehmen also.
Peter Gomez, Verantwortlicher (Dean) für Führungsweiterbildung der HSG, staunte über das Ergebnis: Neun von zehn befragten Managern waren der Meinung, dass sie ihr Unternehmen vollkommen im Einklang mit dem führen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet.
Gomez kann darüber noch immer den Kopf schütteln. «Das ist geradezu absurd», sagt er, «wenn man sich mal vergegenwärtigt, wie heute über Themen gesprochen wird, die das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Gesellschaft betreffen.» Sachliche Diskussion? Kaum mehr möglich. Zerrbilder haben einen konstruktiven Dialog abgelöst.
Zum Problem tragen beide Seiten bei. So wie die befragten Führungskräfte keine Vorstellung haben von den Erwartungen der Gesellschaft, so ist die breite Öffentlichkeit mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand. Die Wurzeln dieses Misstrauens liegen tief, aber die Finanzkrise hat die Kluft noch vergrössert. Peter Gomez: «Die Empörung darüber, wie Teile der Wirtschaft die Finanzkrise einerseits heraufbeschworen haben und sich andererseits für die verursachten Probleme kaum interessieren, hat dazu geführt, dass man nur noch sehr emotional über das ganze Thema sprechen kann.»
Bestes Beispiel dafür: Die Debatte über die teilweise immens hohen Boni. «Solche Summen haben ja nichts mehr damit zu tun, was man anschliessend dafür kaufen kann», sagt Gomez. «Niemand kann mehr als drei Koteletts am Tag essen. Es geht nur um den Wettbewerb, um einen Vergleich mit der Peer Group – mit anderen Managern, die als ‘gleichwertig’ angesehen werden.»
Was verdient der Kollege, wieviel der Konkurrent?
«Wenn es gelänge, im Sinne einer Selbstverpflichtung die Messlatte des Einkommens der Peers zu ersetzen durch das, was von Führungskräften der Realwirtschaft als angemessen angesehen wird, dann hätte man einen Ansatzpunkt für die Lösung dieses Problems», sagt Gomez.
Das ist der Punkt, an dem eigentlich die Medien gefragt wären. Ihre Aufgabe ist es, beides zu erklären: Die Anliegen der Gesellschaft einerseits und die Perspektive der Wirtschaftsführer andererseits. Doch der Eindruck herrscht vor, dass viele Redaktionen ebenfalls überfordert sind mit der Komplexität der internationalen Finanzkrise. Man bleibt an der Oberfläche. Und noch folgenreicher sind die Zwänge des Mediensystems: Unter Zeit-, Spar- und Quotendruck fokussiert man aufs Plakative. Über die Entlöhnung in der Finanzbranche wurde wie über die Gehälter von Formel-1-Piloten gesprochen: Die höchste Zahl bekam die dickste Schlagzeile.
«Die Medien nehmen ihre Verantwortung nicht richtig wahr», findet Peter Gomez. «Es gibt eine Breaking-News-Mentalität, aus der heraus nur Negatives gross herausgebracht wird. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Problematik ist für viele Medien nicht interessant.»
Wenn die Plattform fehlt, muss man es selber machen.
Auf diese Entfremdung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft könne man auf zwei Arten reagieren, so Gomez: Allgemein verbindlich Verhaltensregeln formulieren, wie das manche Ethiker tun, anderen also «erklären, was nun vernünftiges, gerechtes und anständiges Wirtschaften sei.» Das sei jedoch wenig aussichtsreich – und bleibe immer eine Einbahnstrasse.
«Der zweite Weg ist der, den wir uns ausgesucht haben: Der Versuch, im echten Dialog wieder eine gemeinsame Basis zu finden. Wenn Sie in der Familie Probleme haben, hilft auch nichts anderes: Sie müssen miteinander reden. Es ist dann ein langer Prozess, bis man sich wieder findet, da ist nichts Spektakuläres dran. Es dauert, aber anders als im Dialog geht es nicht.»
Dialog statt Schuldzuweisungen und normativer Forderungen. Das ist der Ausgangspunkt der Initiative.
Die Aussichten? Gomez zuckt mit den Schultern. «Was wir hier machen, ist natürlich ein Tropfen auf dem heissen Stein. Es wird sich weisen, wie weit uns das bringt. Aber welches ist die Alternative?»
In der Diskussion über die Höhe und Legitimität von Boni schwingt oft auch die Frage nach der Messbarkeit von Leistungen mit, die dem Prinzip nach belohnt werden sollen. Wie messbar ist die Leistung des Einzelnen, und wie zurechenbar sind Teamergebnisse? Und inwieweit geht es überhaupt noch um konkrete Leistungen, wenn Boni an den Unternehmensgewinn oder den Aktienkurs geknüpft sind?
Für Josef Felder ist – unabhängig von der Boni-Frage – klar: Jeder Lohn muss messbar, berechenbar und «an effektive Leistung bzw. an den individuellen Beitrag zum Unternehmensergebnis geknüpft sein (Statement lesen). Genau diese Messbarkeit und Verknüpfung betrachtet Hans Christoph Binswanger allerdings mit Skepsis:
«Es ist Mephistopheles, der in Goethes Faust darauf verweist, ‹wie sich Verdienst und Glück verketten›. Niemand sollte vergessen, dass ein höherer Verdienst nicht allein durch Arbeit und Fleiss erklärt werden kann.» (Statement diskutieren)
Der Generation der «Babyboomer» stehen immense Veränderungen bevor. Bisherige Vorstellungen von dem, was man bisher Ruhestand nannte, dürften alsbald selbst in den Ruhestand geschickt werden. Die kommenden Alterslasten müssen wir – gemeinsam – reduzieren, indem wir die Potenziale der Älteren in der Gesellschaft aktivieren. Das ist keine einfache Aufgabe. Wir brauchen den grossen Wurf.
Von Alain D. Bandle
» Hier lesen Sie den ersten Teil dieses Artikels
Ein solcher Wurf muss keine Utopie bleiben. Wir müssen nur endlich aufhören, das Älterwerden als Defizit, Sorge und Last zu verstehen, sondern beginnen, sein immenses Potenzial für völlig neue Formen der Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu entdecken.
Das ungenutzte Potential des Alters
Bis ins hohe Alter hat der Mensch grosse Entwicklungsspielräume. Diese schöpfen wir bei weitem noch nicht aus. Dieses Defizit zu ändern, wird die entscheidende persönliche, wirtschaftliche und politische Aufgabe der nächsten Jahre. Das aber bedingt dass wir den Mut haben, eine Vision für das Alter inmitten epochaler Herausforderungen zu wagen – das Erfolgsmodell Schweiz ist geschafft, aber das Erfolgsmodell Altern für unseren Sonderfall Schweiz liegt als Gestaltungsaufgabe noch vor uns.
Schweizer Impulse
Eine Organisation, die sich als Thinktank in der Schweiz zu diesen Herausforderungen engagiert, ist die Basler powerAge Foundation. Für Ton Koper, Gründer der Stiftung, ist die entscheidende Generationenfrage die, ob die kommenden geburtenstarken Altersjahrgänge die Versorgung ihres Alters auf dem Rücken ihrer deutlich weniger zahlreichen Nachkommen austragen werden. Oder ob diese Generation ihre Ansprüche zurückschrauben und als Vorbild einer neuen Generation Lebensideale, Eigenverantwortung und Unabhängigkeit in späteren Jahren vorleben und in die Geschichtsbücher eingehen wird. powerAge setzt sich dafür ein, dass sich eine neue Generation der «Power Ager» vermehrt der Wissensvermittlung innerhalb und ausserhalb ihrer Arbeitsplätze widmet, um damit der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben zu können.
Das Interesse an solchen Überlegungen steigt – auch am Arbeitsmarkt selbst. Noch hält zwar der Trend zur frühen Entberuflichung an. Aber spätestens ab der zweiten Hälfte dieser Dekade dürfte der vorhersehbare Fachkräftemangel für ein Umdenken in den Unternehmen sorgen.
Diese Bereitschaft zur Neubetrachtung in den Unternehmen wird parallel von der Nachfrageseite gestärkt. Als grösste Konsumentengruppe unserer Zeit mit der grössten Kaufkraft und der grössten Lust auf neue Impulse für einen neuen Lifestyle in späteren Jahren (besser auch als «LOHAS» bekannt) werden die Boomer zum Schlüsselsegment für eine neue Generation von Angebotsformeln. Zudem hat auch die Gesellschaft ein grosses Interesse daran, dass die älteren Segmente in der Bevölkerung endlich «spätaktiv» werden und bleiben. Nach einer Veröffentlichung des «Economist» (Ausgabe 6/2009), wird die Alterung der Gesellschaft für das Gemeinwesen rund zehnmal teurer als die Rettung der Finanzindustrie 2008/09. US-Forscher haben allerdings gleichzeitig errechnet, dass eine aktive Mobilisierung der Alterspotentiale für Wirtschaft und Gesellschaft die fiskalen Kosten der demografischen Veränderung um 50 Prozent und mehr senken kann.
Eine «Boomer-Börse» zum Aktivieren brachliegenden Potentials
Zur Förderung solcher Potentiale hat ein Team von Kreativen von powerAge in 40 Monaten unter dem Motto «Power of Age» ein umfassendes Strategiekonzept entwickelt, wie die heute noch weitgehend schlummernden Alterspotentiale künftig kreativer, produktiver und professioneller verwertet werden können. Damit Kooperation zu dieser Zielsetzung vernetzt werden kann, rückt aus Sicht der Entwickler das Konzept einer gemeinsamen «Boomer-Börse» immer mehr in den Mittelpunkt. Eine solche Börse könnte das brachliegende Potential der Babyboomer-Jahrgänge für Unternehmen und Private in Zukunft aktiv zugänglich machen.
Im Zentrum dieser Dienstleistung müsste ein neues Kompetenzmodell zur kreativen, produktiven und professionellen Verwertung von Erfahrungskapital stehen. Denn das ist dringend notwendig.
In Kooperation mit Gerontologen, Arbeitspsychologen und Organisationsexperten hat powerAge ein solches Kompetenzmodell entwickelt. Es kombiniert vier strategische Qualitätszielsetzungen von Unternehmen auf der Nachfrageseite mit dem individuellem Potential aus Erfahrungskapital auf der Angebotsseite. Die angedachte «Handelsplattform», welche beide Seiten in der Börse zusammenbringt, ist eine Erfahrungsbank, in der die Boomer ihre erfahrungsbasierte Beschäftigungsfähigkeit anlegen und anbieten könnten.
Die Herausforderung einer ganzen Generation
Die Steigerung beruflicher Aktivität in spät- und nachberuflichen Jahren wird so gesehen zu einer historischen Herausforderung. Und die Generation der Boomer wird als erste Pioniergeneration gefordert sein, bestehende Vorurteile bezüglich der Leistungsfähigkeit von Älteren zu widerlegen.
Nur wenn es ihnen gelingt, diese Defizitsicht als erste und gründlich zu widerlegen respektive eine neue Perspektive auf die Potentiale des Alters für Wirtschaft und Gesellschaft zu erschliessen, werden sie in der Lage sein, die Probleme ihres Alters zu lösen. Eine solche Neubetrachtung des Alters einzuleiten, wird zur Bringschuld einer ganzen Generation.
Alain D. Bandle ist seit Mai 2009 Vorstandsvorsitzender der Versatel AG und regelmässiger Gastdozent für das Executive MBA Programm der Universität St. Gallen.
Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Buchillon am Genfersee.
Hinweis: Beiträge einzelner Mitglieder der Initiative «Schweizer Dialog» oder solche von Gastautoren stellen nicht zwingend die Meinung aller Mitglieder der Initiative dar.