Die Krise der Anderen
Der Mensch vergisst gern – diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man sich ansieht, wie sogar angesichts der präsenten «Problemkinder» Portugal, Irland oder Griechenland heute über die Krise gesprochen wird. Alles schon vorbei, alles glimpflich überstanden? Über die Krisenwahrnehmung in der Schweiz und anderen Ländern haben Alain Bandle, Roman Geiser und Peter Gomez diskutiert.
Ende Oktober. Die Schweizer Währung ist stark, Deutschland freut sich über den Aufschwung, die wirtschaftlichen Probleme von Irland & Co. sind bekannt, aber noch nicht auf den Titelseiten. Am Telefon: Alain Bandle, Vorstandsvorsitzender der Versatel AG, Roman Geiser, CEO von Burson-Marsteller Schweiz und COO von Burson-Marsteller EMEA, und Peter Gomez, Präsident des Verwaltungsrates der SIX Group und Dean der Executive School for Management, Technology and Law der Universität St. Gallen (HSG).
Peter Gomez: «Vor zwei Jahren hiess es noch, diese Krise werde schlimmer als die der 1930er Jahre, man hat den Zusammenbruch der Weltwirtschaft und düstere Zeiten vorhergesagt. Und heute? Heute hört man vielerorts: Krise? Welche Krise? Viele haben das Gefühl, dass das Ganze keine grösseren Spuren hinterlassen hat. Auch die Kaufkraft ist nach wie vor gut, die Konsumentenstimmung ist okay, die Exportindustrie war gut vorbereitet und tut sich trotz des starken Schweizer Frankens nicht schwer – kurzum, es macht den Eindruck, dass die Krise nur eine Störung war und kein Strukturbruch, wie man ihn vor zwei Jahren heraufbeschworen hat. Wenn man allerdings schaut, wie sich die politische Landschaft entwickelt mit ihren extremen Abstimmungsresultaten und all diesen ‘Stellvertreterkriegen’ – Stichworte ‘Abzockerei’ und ‘Fremdenproblematik’ -, wo man kaum mehr Sachfragen diskutiert, sondern alles an irgendwelchen populistischen Forderungen aufhängt, dann stimmt ja doch etwas nicht. Alain, Roman, Ihr seide beide international sehr gut vernetzt, wie ist das aus der Sicht anderer Länder?»
Alain Bandle: «Nun, wenn ich mal meine Branche nehme: Es sieht schon so aus, dass die Informations- und Telekommunikationsindustrie das alles mit einem blauen Auge überstanden hat. Generell scheint hier in Deutschland die allgemeine Einschätzung zu sein, dass die Wirtschaft die Krise zwar nicht vollständig überwunden hat, aber im Vergleich zu den meisten anderen Industriestaaten auf dem besten Wege ist, das Vorkrisenniveau spätestens im kommenden Jahr wieder zu erreichen.»
Diese Beurteilung der Lage wird auch durch das Herbstgutachten der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute bestätigt, das für das laufende Jahr ein Wachstum des BIP um 3.5 Prozent und für 2011 einen weiteren Anstieg um 2 Prozent vorhersagt. Der Branchenverband BITKOM, dem Versatel angehört, ist ebenfalls zuversichtlich: Der aus einer Konjunkturumfrage unter den Verbandsmitgliedern errechnete ‘BITKOM-Index’ stieg auf 67 Punkte, der höchste Wert seit seiner Einführung – im Sommer 2009 lag der Index bei -25. Die wieder unter die Marke von 3 Millionen gesunkenen Arbeitslosenzahlen tun ihr Übriges für die positive Stimmung.
«Diese positive Gesamteinschätzung wird zwar gedämpft durch die Berichterstattung über die wirtschaftliche Situation in Irland, Griechenland und Portugal und über die hohe Staatsverschuldung, aber ich habe dennoch ein bisschen den Eindruck, dass der aktuelle ökonomische Zustand von der Öffentlichkeit deutlich positiver wahrgenommen wird als eigentlich angebracht wäre. Solche merkwürdigen, von den Medien stark angeheizten Stellvertreterdebatten hat es in Deutschland allerdings auch – denken wir etwa an Thilo Sarrazin und sein Buch, durch das Integration plötzlich zum absoluten Tagesthema wurde, oder an die Diskussion, ob nun Frau zu Guttenberg bei RTL II gegen Kinderpornographie auftreten darf oder nicht. Wir haben immens schlechte Zustimmungsraten für Parteien und politische Entscheidungsträger, und noch schlechtere für Manager. Und wenn man sieht, was in Stuttgart abgeht mit dem Bahnhofsprojekt Stuttgart21, wo Grossmütter, Studenten und alle dazwischen gegen ein Projekt auf die Strasse gehen, das seit ungefähr 15 Jahren geplant wurde, dann heisst das auch, dass sich da offensichtlich Einiges in Schieflage befindet.»
Roman Geiser: «Das scheint mir eine wichtige Beobachtung zu sein, ich habe mir genau diese Frage eben notiert: Welche Krise? Also nicht die Frage, ob es eine Krise gab, sondern: Über welche Krise sprechen wir? Geht es um die ökonomische Krise, oder geht es um eine gesellschaftliche Krise und den Vertrauensverlust?»
Alain Bandle: «Den Vertrauensverlust zeigen ja zahlreiche Studien. Ich habe gerade vorgestern an einer BITKOM-SItzung einige Umfrageergebnisse von Emnid gesehen, die ganz deutlich zeigen, welche Beunruhigung mittlerweile herrscht. Auf die Frage ‘Wird es Ihnen in zehn Jahren besser oder schlechter gehen?’ sagen über 60 Prozent der Jungen und über 70 Prozent der Alten, es werde ihnen schlechter gehen. Da zeichnet sich Perspektivlosigkeit ab. Viele sagen: Auf die Sicherheit der Arbeitsplätze habe ich keinen Einfluss, das ist reiner Zufall und hat nichts mit Qualität und Leistung zu tun. Und der Vertrauensverlust in Institutionen ist erstaunlich, da spielt es auch keine Rolle mehr, ob es um Parteien oder Gewerkschaften geht, die können den Menschen alle eigentlich keine Lösungen mehr anbieten. Manager kommen mit 1 Prozent am Ende der Tabelle, wenn man fragt, wer eigentlich noch die Wahrheit erzählt, denen traut man also sowieso nicht mehr.»
Peter Gomez: «Es sieht also so aus: Man hat immer von einer Finanz- und Wirtschaftskrise gesprochen, und die scheint jetzt wie verschwunden zu sein; auf der anderen Seite haben wir aber eine Art Gesellschaftskrise mit unglaublichen Gräben, die sich auftun, und mit Entwicklungen, wie wir sie vorher in dieser Heftigkeit nicht hatten. Nur: Gibt es da einen Zusammenhang? Hat die Finanzkrise vielleicht in der Bevölkerung einen Missmut oder gar Wut ausgelöst, die sich nun in diesen Trends und Entwicklungen spiegelt?»
Roman Geiser: «Das sind wahrscheinlich miteinander verbundene Themen, die sich aber in unterschiedlichen Rhythmen bewegen – und auch in unterschiedlichen Geographien. Im Mittleren Osten ist die ökonomische Krise – startend von einem sehr hohen Niveau – noch voll im Gange. Herr Bandle, Sie haben auch schon Portugal und Griechenland erwähnt: Wenn man Diskssionen dort führt, kommt auch keiner auf den Gedanken, die Krise sei ausgestanden. Beim Blick in die Schweiz sieht es tatsächlich etwas anders aus, so richtig tief ins Portemonnaie gegriffen hat es da nicht, aber die Risse, die sich gesellschaftlich auftun, gibt es hier eben auch, wir haben eine Vertrauenskrise und leben in einer Zeit, in der insbesondere wirtschaftlichen Unternehmungen und Managern kein Vertrauen entgegengebracht wird. Die zentrale Frage ist darum für mich: Ist das Handeln, das zu dieser Krise geführt hat, verdaut?»
Alain Bandle: «Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In der Öffentlichkeit wurden ja vor geraumer Zeit die Verursacher der ökonomischen Krise im internationalen Finanzsektor ausgemacht. Aber wenn man sich mal überlegt, was eigentlich in den letzten zwei Jahren von den Ansagen, die von Politikern, aber auch von Bankern gemacht wurden, umgesetzt wurde, stellt der staunende Beobachter fest: Relativ wenig. Viele Absichtserklärungen wurden da ‘zurückbuchstabiert’ auf ein paar Bonibeschränkungen für jene Banken, die vom Staat unterstützt worden sind. Ansonsten läuft es eher ‘back to normal’, all die Selbstkasteiungen, die sich viele Leute vor zwei Jahren auferlegt haben, haben relativ wenig gebracht. Da ist Entsetzen zu einem gewissen Grad verständlich.»
Peter Gomez: «Da scheint es eine Art Muster zu geben. Ich habe zuhause noch ein Plakat von einem Vortrag zum Thema ‘Feindbild Manager: Wie können wir das Image der Manager in der Öffentlichkeit wieder verbessern?’ – und das Plakat ist von 2003. Wir hatten damals genau die gleiche Diskussion, als die Gesellschaft die hohen Boni und das Verhalten gewisser Führungskräfte als zumindest unfair bezeichnete. Ich erinnere mich daran, dass diese Leute, als sie derart angegriffen wurden, mir gesagt haben: Das wird schon wieder, wenn es der Wirtschaft wieder besser geht, ist den Leuten nur noch wichtig, wieviel sie selbst in der Lohntüte haben, und egal, was wir verdienen. Und heute haben wir dieselbe Situation: Die Wirtschaft erholt sich schneller als gedacht, und Viele in der Wirtschaft und Finanzindustrie denken: Jetzt, wo alles nicht so schlimm war, werden die Leute zur Vernunft kommen und uns unsere Boni abholen lassen. Ich meine, dass das nicht der Fall sein wird. Es sind zwei Entwicklungen, die sich überlagern: Auf der einen Seite haben wir fast eine Art Volkszorn über die, wie viele es sehen, unfaire Verteilung des volkswirtschaftlichen Vermögens, und darüber haben wir den Zyklus der Wirtschaft, der gewaltige Schwankungen durch die Krise erlebt hat. Viele Führungskräfte schauen nur auf die ökonomischen Zyklen und nehmen die darunter liegende generelle Stimmung gar nicht zur Kenntnis. Die Frage ist: Was kann man tun, dass sich beides, die Stimmungslage und die Wahrnehmung der Führungskräfte, zum Besseren verändert?»
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