Aktuell

«Anders als im Dialog geht es nicht.»

Top - 18. Juni 2010 um 12.12 Uhr , 1 Kommentar Kommentare

Ein Gespräch mit Peter Gomez über Anliegen und Aussichten der Initiative Schweizer Dialog.

Peter Gomez

Peter Gomez

Am Anfang stand eine Umfrage der Universität St. Gallen. Zahlreiche Führungskräfte aus dem deutschsprachigen Raum wurden zu Fragen des «Public Value» befragt, der gesellschaftlichen Wertschöpfung von Unternehmen also. Peter Gomez, Verantwortlicher (Dean) für Führungsweiterbildung der HSG, staunte über das Ergebnis: Neun von zehn befragten Managern waren der Meinung, dass sie ihr Unternehmen vollkommen im Einklang mit dem führen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet.

Gomez kann darüber noch immer den Kopf schütteln. «Das ist geradezu absurd», sagt er, «wenn man sich mal vergegenwärtigt, wie heute über Themen gesprochen wird, die das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Gesellschaft betreffen.» Sachliche Diskussion? Kaum mehr möglich. Zerrbilder haben einen konstruktiven Dialog abgelöst.

Zum Problem tragen beide Seiten bei. So wie die befragten Führungskräfte keine Vorstellung haben von den Erwartungen der Gesellschaft, so ist die breite Öffentlichkeit mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand. Die Wurzeln dieses Misstrauens liegen tief, aber die Finanzkrise hat die Kluft noch vergrössert. Peter Gomez: «Die Empörung darüber, wie Teile der Wirtschaft die Finanzkrise einerseits heraufbeschworen haben und sich andererseits für die verursachten Probleme kaum interessieren, hat dazu geführt, dass man nur noch sehr emotional über das ganze Thema sprechen kann.»

Bestes Beispiel dafür: Die Debatte über die teilweise immens hohen Boni. «Solche Summen haben ja nichts mehr damit zu tun, was man anschliessend dafür kaufen kann», sagt Gomez. «Niemand kann mehr als drei Koteletts am Tag essen. Es geht nur um den Wettbewerb, um einen Vergleich mit der Peer Group – mit anderen Managern, die als ‘gleichwertig’ angesehen werden.»

Was verdient der Kollege, wieviel der Konkurrent?

«Wenn es gelänge, im Sinne einer Selbstverpflichtung die Messlatte des Einkommens der Peers zu ersetzen durch das, was von Führungskräften der Realwirtschaft als angemessen angesehen wird, dann hätte man einen Ansatzpunkt für die Lösung dieses Problems», sagt Gomez.

Das ist der Punkt, an dem eigentlich die Medien gefragt wären. Ihre Aufgabe ist es, beides zu erklären: Die Anliegen der Gesellschaft einerseits und die Perspektive der Wirtschaftsführer andererseits. Doch der Eindruck herrscht vor, dass viele Redaktionen ebenfalls überfordert sind mit der Komplexität der internationalen Finanzkrise. Man bleibt an der Oberfläche. Und noch folgenreicher sind die Zwänge des Mediensystems: Unter Zeit-, Spar- und Quotendruck fokussiert man aufs Plakative. Über die Entlöhnung in der Finanzbranche wurde wie über die Gehälter von Formel-1-Piloten gesprochen: Die höchste Zahl bekam die dickste Schlagzeile.

«Die Medien nehmen ihre Verantwortung nicht richtig wahr», findet Peter Gomez. «Es gibt eine Breaking-News-Mentalität, aus der heraus nur Negatives gross herausgebracht wird. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Problematik ist für viele Medien nicht interessant.»

Wenn die Plattform fehlt, muss man es selber machen.

Auf diese Entfremdung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft könne man auf zwei Arten reagieren, so Gomez: Allgemein verbindlich Verhaltensregeln formulieren, wie das manche Ethiker tun, anderen also «erklären, was nun vernünftiges, gerechtes und anständiges Wirtschaften sei.» Das sei jedoch wenig aussichtsreich – und bleibe immer eine Einbahnstrasse.

«Der zweite Weg ist der, den wir uns ausgesucht haben: Der Versuch, im echten Dialog wieder eine gemeinsame Basis zu finden. Wenn Sie in der Familie Probleme haben, hilft auch nichts anderes: Sie müssen miteinander reden. Es ist dann ein langer Prozess, bis man sich wieder findet, da ist nichts Spektakuläres dran. Es dauert, aber anders als im Dialog geht es nicht.»

Dialog statt Schuldzuweisungen und normativer Forderungen. Das ist der Ausgangspunkt der Initiative.

Die Aussichten? Gomez zuckt mit den Schultern. «Was wir hier machen, ist natürlich ein Tropfen auf dem heissen Stein. Es wird sich weisen, wie weit uns das bringt. Aber welches ist die Alternative?»

Weiterempfehlen

Kommentare

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Moritz Adler, Schweizer Dialog. Schweizer Dialog said: Peter Gomez über den Schweizer Dialog: «Anders als im Dialog geht es nicht.» http://bit.ly/9cTSQM [...]