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Subprime Aging – Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Alter (I)

Aktuelles - 9. Juni 2010 um 17.26 Uhr , 7 Kommentare Kommentare

Wer auch nur ein wenig bereit ist, über den Tellerrand zu blicken, wird heute erkennen, dass das Alter vor grossen Veränderungen nicht geschützt ist.

Von Alain D. Bandle

Das Bild des Alters wandelt sich permanent, von Generation zu Generation, und passt sich immer wieder den neuen Zeiten an. Manchmal können diese Veränderungen allerdings auch komprimiert und aussergewöhnlich turbulent verlaufen. Vieles spricht dafür, dass wir gerade einer Zeit grosser Veränderung für das Alter entgegengehen.

Wir müssen die Potenziale der Älteren in der Gesellschaft aktivieren. (Foto: artisrams/Flickr)Von diesem Wandel werden weniger die Altersgruppen betroffen sein, die sich heute schon im Ruhestand befinden (die «Lucky Generation»). Diese Jahrgänge haben gut lachen, und das sei ihnen auch gegönnt. Für die nächstfolgende Generation, die geburtenstarken Jahrgänge 1964 bis 1946, ausgerechnet für diese Babyboomer-Jahrgänge also, zeichnet sich jedoch ein Sturm neuer Entwicklungen ab. Bisherige Vorstellungen von dem, was man bisher Ruhestand nannte, dürften alsbald selbst in den Ruhestand geschickt werden.

In der Schweiz leben knapp über zwei Millionen jener Babyboomer. Im Interesse des Erfolgsmodells Schweiz wird diese Gruppe gefordert sein, dem Alter in den kommenden Jahren ein neues Gesicht zu geben. Drei Faktoren treiben gerade parallel die Entwicklung:

1. Das Altern wird teurer

Älterwerden wird Jahr für Jahr teurer. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir immer länger leben. Mit einer zunehmenden Lebenserwartung wachsen nicht nur die Lebenskosten. Auch die vermögensverzehrenden Langzeitpflegerisiken nehmen für den Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt mit jedem Jahr zu.

Sind die Babyboomer auf diese Kostenrechung wirklich vorbereitet? Waren Sparwille und Sparmöglichkeiten wirklich gross genug für die neue Langversion des Lebensabends?

2. Die Alterskassen werden schwächer

Während auf der Ausgabenseite das Budget also ständig wächst, hat die Finanzierung Mühe, Schritt zu halten. Die AHV berichtet mittlerweile von einem Defizit von mittlerweile 10 Milliarden Franken. Der Schweizer Pensionskassenverband sieht die Ampeln für das Gros der Kassen gleichzeitig von grün auf gelb, für einige sogar auf rot wechseln. Diese Schwächung der Alterskassen beunruhigt, und das nicht nur in der Schweiz. In Deutschland und England fürchten bereits 75 Prozent der Babyboomer um ihre Altersersparnisse. Und in den USA werden sie gerade Zeuge, wie ihre staatlichen und privaten Pensionskassen in knapper Zeit nahezu drei Billionen US-Dollar an Wert verlieren. Die Alterssicherung ist dort, gemäss einer Studie von Standard & Poor’s, auf dem Weg zur grössten Unterfinanzierung ihrer Geschichte.

Wird die Wirtschaftskrise zur Alterskrise? Hat der Einbruch der «Subprime»-Hypotheken vor zwei Jahren ein ebenso «suboptimales» Altern für Viele in den kommenden Jahren zur Folge? Was heisst das wirklich für den Ruhestand der Boomer?

3. Die Quote der Altersabhängigkeit wird halbiert

Und es kommt noch dicker. Eine dritte schwerwiegende Belastung der Alterssicherung wird von einer historischen Veränderung der Quote der Altersabhängigkeit ausgehen. Diese wird in den kommenden zwei Jahrzehnten so gut wie halbiert.

Hier die Fakten: 2010 können ungefähr acht Aktive (Arbeitnehmer) für die Versorgung von zwei Passiven (Rentnern) in der Bevölkerung aufkommen. Aber bis zum Ende dieser Dekade werden nur noch ca. fünf Arbeitnehmer jeweils zwei Rentner versorgen können.

Weil bei diesem Missverhältnis Bund, Kantone und Gemeinden immer mehr einspringen müssen, wird sich als Folge deren Verschuldung verdoppeln. Die Konsequenzen aus dieser Verschuldung werden hart sein. Wollen wir das unseren Kindern wirklich antun?

Wir brauchen einen grossen Wurf

Weil wir alle Schulden und ungedeckten Versprechungen für Renten und Gesundheitsversorgung künftiger Senioren in den kommenden 20 Jahren nicht einfach an nächste Generationen weiterreichen dürfen, brauchen wir dringend weitsichtigere Entscheidungen und innovativere Kooperationen. Der Handlungsbedarf ist riesig. Schon jetzt müssen geschätzte 100 Mio. Babyboomer der Jahrgänge 1964 bis 1946 in Europa und USA in ihren späteren Lebensjahren beruflich länger aktiv bleiben.

Um diese Herausforderung stemmen zu können, brauchen wir lebensabschnittsgerechte Arbeitsmodelle, welche den sich wandelnden Bedürfnissen der Jungen, jungen Familien, jungen Alten und Senioren gerecht werden und eine viel größere Flexibilität zulassen. Wir brauchen neue Vorstellungen von einem lebenslangen «Arbeitszeitkonto», welches situativ längere Pausen beispielsweise für Elternurlaub, Weiterbildung, ein Sabbatical oder kürzere Arbeitszeiten erlaubt, die es wiederum ermöglichen, mehr Zeit mit Kindern oder für Pflegeaufgaben aufzuwenden.

Vor allem aber brauchen wir eine generationsübergreifende Gerechtigkeit – eine Fairness unter den Generationen, die nur entstehen kann, wenn der gegenseitige Respekt und das «miteinander leben wollen» wieder stärker gefördert wird.

Die demographische Entwicklung lässt uns keine andere Wahl; die Abhängigkeiten von Jung und Alt werden grösser und Ausgrenzung in beide Richtungen sind keine Lösung. Gemeinsam müssen wir die kommenden Alterslasten reduzieren, indem wir die Potenziale der Älteren in der Gesellschaft endlich aktivieren und sinnvoll zu nutzen beginnen. Das wäre der grosse Wurf, den wir aus Gründen der Moral und der Fairness anstreben sollten.

» Lesen Sie auch Teil 2 dieses Artikels.

Foto: artisrams/Flickr/CC

Alain D. Bandle ist seit Mai 2009 Vorstandsvorsitzender der Versatel AG und regelmässiger Gastdozent für das Executive MBA Programm der Universität St. Gallen.

Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Buchillon am Genfersee.

Hinweis: Beiträge einzelner Mitglieder der Initiative «Schweizer Dialog» oder solche von Gastautoren stellen nicht zwingend die Meinung aller Mitglieder der Initiative dar.

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Kommentare

  1. TQ sagt:

    Grosse Würfe sind gut – aber genau in der Schweiz leider selten

  2. JJ Suter sagt:

    Warscheinlich muss unser Schweizer Standort noch attraktiver werden, damit wir noch stärker Junge, gut ausgebildete Leute aus dem Ausland gewinnen können.
    Dazu müssen wir warscheinlich auch einige von unseren heiligen Kühe schlachten, wie zum Beispiel die mangelnde Unterstüzung für arbeitende Eltern.

  3. Es gibt keine vernünftige Alternative, als die Lebensarbeitszeit zu verlängern (das Pensionierungsalter zu erhöhen), weil wir neben der längeren Lebenserwartung gleichzeitig auch mit einem Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften (demografie-bedingt) zu rechnen haben, wie es ihn seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr gegeben hat. Das kann aber nur funktionieren, wenn wir uns so rasch wie möglich überlegen, wie wir die Arbeitsmarktfähigkeit der Babyboomers zeitlich markant verlängern. Es braucht spezielle Weiterbildungskonzepte und entsprechend ausgebildete Trainer, die diese Angebote umsetzen können. Hier könnten unsere pädagogischen Hochschulen wertvolle und innovative Beiträge leisten.

  4. Martin Naville sagt:

    Ein richtiger und wichtiger Artikel. Er weist auf ein zentrales Problem unserer Gesellschaft hin, das wegen seiner Langfristigkeit leider in der Politik noch kein Echo findet. Neben den aufgeführten guten und positiven Ansätzen (“der Karotte”)braucht es aber wohl auch ein bisschen “Peitsche”, z. B. in Form einer späteren Pensionierung oder von reduzierten staatlichen Unterstützung. Und hier wird es schwierig: Jedes Jahr nimmt der Anteil von Pensionierten an der Stimmbevölkerung zu und, wie bei der Abstimmung zum Umwandlungssatz, stimmen viele für Ihr eigenes Wohl. Wie kommen wir zu einer gewichtigen politischen Stimme in dieser Frage?

  5. Stimmig und stringent auf den Punkt gebracht, lieber Alain: dermassen, dass die Beweisführung beispielsweise einer Ausgabe der Weltwoche entnommen sein könnte. Was keineswegs negativ verstanden sein will, denn ich bin schon seit Jahren Abonnent der WW! Vielmehr also äusserst positiv, und falls ich Dich als nunmehr langjähriger Headhunter der Berufssegmente innerhalb der Kommunikation mit allen Schnittstellen in Deinem Ansinnen praxis-bezogen unterstützen kann, lass’ es mich jederzeit wissen, ja? Wir könnten dies auch demnächst ‘mal bei einem Lunch auf der unteren Terrasse des neueren DG mit seit 1 Jahr allerbesten Preis-/Leistungs-Verhältnis (KEIN Witz!) und aufmerksam-effizientem Service besprechen! Es grüsst Dich der jeypea

  6. [...] Bandles Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Alter hat viel Zustimmung gefunden. Auch andere Teilnehmende am Schweizer Dialog haben sich zum Thema [...]